Stella | Takis Würger, oder wenn dich ein Buch hilflos zurücklässt

IMG_20190113_190334.jpgGestern Abend habe ich den neuen Roman „Stella“ von Autoren und Spiegel Journalisten Takis Würger aus dem Hanser Verlag beendet. Ich hab für dieses 214 Seiten Werk nur zwei Abende benötigt, ich hätte es aber auch gerne in einem Rutsch gelesen. Nachdem 2016 sein Erstling „Der Club“ bei Kein & Aber erschien,  der meiner Meinung nach absolut großartig daher kam, war klar, dass ich jedes weitere Werk von Würger lesen würde. Doch was Herr Würger uns hier vor die Füße geworfen hat, hat mich mehr als aufgewühlt und hilflos zurück gelassen. Ich war sprachlos, wütend, genervt, fasziniert, bedrückt, gespannt, gefesselt und gestresst. Ich hab ungefähr alles gefühlt, was man einem Buch gegenüber fühlen kann. Und das ist vor allem anstrengend, weswegen ich mich gestern bereits hingesetzt habe, und meine Eindrücke so frisch und unbeeinflusst von diversen Kritiken und Rezensionen nieder zu schreiben. Denn als ich in die Buchhandlung ging um mir Stella zu besorgen, wusste ich nichts über den Roman. Die Hauptperson heißt Stella, die Geschichte beruht auf wahren Begebenheit und spielt im Berlin der 1940er Jahre . Ich wollte komplett unbeeinflusst an die Geschichte herantreten, auch wenn man auf Instagram oder Bookstagram natürlich schon seit Monaten heiß gemacht wurde. Ich habe alle Rezensionen links liegen gelassen. Aber jetzt mal von Anfang an, ich merke wieder wie sich meine Gedanken ineinander verknoten.

Achtung, diese Rezension enthält Spoiler!

Berlin im Jahr 1942. Eine Geschichte über Angst und Hoffnung – und über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe. Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht.

Friedrich kommt aus gut behütetem Haus vom Genfer See nach Berlin, ein stiller Mann auf der Suche nach der Wahrheit. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in ihre Nächte in geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg.
Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Peitschenstriemen im Gesicht: “Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt.” Kristin ist nicht ihr richtiger Name. Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Ihre Entscheidung stellt Friedrich vor eine unmögliche Wahl.

[Quelle: https://www.hanser-literaturverlage.de/themen/takis-wuerger-stella%5D

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Mein Eindruck:

Zuerst einmal mag ich wirklich sehr wie Takis Würger schreibt, er hat eine ganz eigene Art die Dinge frei von überzeichneten Emotionen und sehr unaufgeregt zu schreiben, was grade bei diesem Werk eine gewisse Distanz aufbaut, die ich sehr wohl zu schätzen weiß, und die für mich einen ganz besonderen Punkt der Geschichte ausgemacht hat, auf den ich später noch einmal zu sprechen komme. Weiterhin hat mir der Aufbau gefallen. Auf den ersten knapp 30 Seiten erfahren wir, gespickt durch geschichtliche Fakten die Kindheitsgeschichte des jungen Schweizer Friedrich. Er wächst wohlbehütet in einem Schweizer Dorf auf, seine Mutter ist Künstlerin, der Vater Industrieller mit einem Exporthandel. Er wird ferngehalten von allem Übel und kann nur die Wahrheit sagen. Eines Tages tut er genau das, wird schwer verletzt und verliert die Fähigkeit Farben zu sehen. Ein tragischer Unfall, der zuerst schwerwiegende Folgen zu haben scheint, die jedoch im weiteren Verlauf der Geschichte fast vergessen wird.

Die Hauptgeschichte, wenn man es so nennen mag, ist unterteilt in 12 Kapitel, die immer durch die Monate des Jahres 1942 dominiert werden. Als Einstieg gibt es immer ein „buntes Potpourri“ von verschiedenen Fakten. Historischen Ereignissen im politischen Kanon der Nationalsozialisten, Vorkommnissen im restlichen Teil der Welt, wie beispielsweise die Geburt von Paul McCartney. Die Reihenfolge scheint genauso willkürlich, so wie die meisten der Informationen selbst. Dadurch entsteht immer wieder ein provokanter Bruch, der aber deutlich macht, dass die Welt sich weiter dreht, dass das Leben weiter geht und trotz all dem Leid und Elend, nicht einfach stehen geblieben ist. Im „Mittelteil“ erfährt man die Geschichte durch die Perspektive von Friedrich. Abschließend hat Takis Würger immer wieder original Zitate aus den Prozessakten zu Stella Goldschlag aus dem Landesarchiv Berlin eingewoben. Man erfährt, wie Stella zum Instrument der Gestapo wurde, und andere Juden denunziert und so quasi zum Tode verurteilt.

Die Geschichte stellt, wie man bereits im Titel vermuten kann, Stella als Hauptfigur des Romans da. Sie ist deutsch-jüdischer Herkunft, lebt allerdings nicht den Glauben der Juden aus, Sie fühlt sich selbst nicht als Jüdin sondern ist der Überzeugung, erst Hitlers Definition hätte sie zur Jüdin gemacht. Nachdem sie selbst verhaftet und gefoltert wurde, werden auch ihre Eltern inhaftiert und ihnen dort die Deportation in ein Konzentrationslager. Um diesem Schicksal zu entgehen, wird ihr das „Angebot“ gemacht, als „Greiferin“ zu agieren. Sie soll einen Juden ausfindig machen, der gefälschte Papier ausstellt. Durch die Prozessakten erfährt der Leser schon früh von Stellas Entscheidung und es lässt sich nur vermuten, wie viele Menschen Stella tatsächlich verraten hat.

Man möchte Stella mögen. Man möchte mit ihr Mitfühlen, ihr Verzeihen und ihr vor allem Verständnis entgegen bringen. Wäre die Sprache, wie vorhin schon angedeutet, emotionaler und würde mehr von Stella selbst preisgeben, wäre es vermutlich einfacher. Aber durch die sprachliche Distanz, die aufgebaut wird, empfindet man sich selbst in der Bredouille, sich zu fragen, wie hätte ich reagiert? Wie hätte ich an ihrer Stella gehandelt? Hätte ich zu Stella gestanden? Und genau hier liegt, zumindest vermute ich, Takis Würgers Intention. Es geht in diesem Buch nicht um die Rechtfertigung von Stellas Handlungsweise. Man soll nicht von Stella überzeugt werden. Sie vielleicht auch nicht sympathisch finden. Dieses Buch soll Fragen provozieren, wie man selbst entschieden hätte.

Und die Antwort ist wohl: Keine Ahnung. Ich weiß es nicht, und ich kann es nicht einschätzen. Und genau diese Erkenntnis oder eben Nicht-Erkenntnis macht es meiner Meinung nach auch so schwer zu ertragen. Wir können auch heutiger Sicht kaum nachvollziehen, in welcher Ambivalenz die Menschen in den 1940er lebten. Wir haben unsere heutigen Moralvorstellungen, wir halten uns für tolerant, für aufgeklärt und klüger. Sowas könnte heute niemals wieder passieren. Aber ich glaube, diese zum teil arroganten Aussagen werden hier in Frage gestellt. Würger hält uns den Spiegel vor, und verlangt nach Antworten, die wir nicht geben können. Er provoziert und macht uns wütend, weil wir nicht eindeutig eine Meinung vertreten können. Und so hilflos und überfordert und genervt ich von vielen Aspekten dieses Buches war, so bin ich aber vor allem froh und auch dankbar dieses Buch  gelesen zu haben. Ich hab viel darüber nachgedacht, und habe einen anderen Blickwinkel gefunden, der zeigt, dass nicht alles nur schwarz und weiß ist. Es gibt nicht immer ein entweder oder. Jede Geschichte trägt seine Feinheiten in sich, die erzählt werden müssen um vielleicht zu verstehen.

Und hier möchte ich ganz klar sagen, dass es sich ausschließlich um meinen persönlichen Eindruck handelt. Ich will nichts generalisieren, ich will niemandem etwas unterstellen und ich habe nur versucht einen Weg oder eine Lösung zu finden, wie ich mich mit diesem Buch gefühlt habe, und welche Intention hinter dieser Geschichte stecken könnte.

Natürlich gibt es weitere Aspekte, die mich nicht ganz überzeugen konnten. Der Einstieg in die Geschichte, verliert für mich im weiteren Verlauf des Buches seinen Wert. Die Figur des Tristan ist für mich an Skurrilität kaum zu übertreffen und hat mich zur Weißglut getrieben. Friedrichs Naivität gegenüber dem Krieg, seine völlig unreflektierten Gefühle zu Stella. Aber auch die immer wieder auftretenden Ambivalenzen zwischen den Figuren. Friedrich, der im Grand Hotel lebt, über 1 Jahr lang, im völligen Luxus ohne Geldsorgen. Stella hingegen die aus einer armen Familie stammt. Tristan, der als Obersturmbannführer der SS arbeitet, sich aber verbotene Lebensmittel illegal nach Berlin schmuggeln lässt. Der eine Fechtbahn in seinem pompösen Heim hat, Feste für die Nationalsozialisten veranstaltet, gleichzeitig aber auch am Plan „Madagaskar“ arbeitet, der Tausenden von Juden das Leben retten soll.

Ich finde dieses Buch verlangt einfach eine rege Diskussion, wie die meisten Rezensionen schon zeigen. Das hier ist wirklich nur meine Auffassung und meine Gedanken kurz nach dem Lesen. Ich bin wahnsinnig gespannt auf eure Meinung und Eindrücke.

Takis Würger | Stella | Hanser | Januar 2019 | 224 Seiten | 22,00€ (D) | Hardcover
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2 Gedanken zu “Stella | Takis Würger, oder wenn dich ein Buch hilflos zurücklässt

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